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Diagnostische Tests auf Rechenschwäche / Dyskalkulie und Leseschwäche (Legasthenie)



Einige Eltern berichten in der Psychotherapeutischen Sprechstunde nicht nur von emotionalen und Verhaltensproblemen ihres Kindes, sondern auch von Schulleistungsproblemen. In diesem Fall kann es indiziert sein, eine Diagnostik durchzuführen in Bezug auf Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten: Einerseits hinsichtlich einer Lese- / Rechtschreibschwäche bzw- störung (Legasthenie). Andererseits hinsichtlich einer Rechenschwäche bzw. Rechenstörung (Dyskalkulie).


Wissenschaftliche Leitlinie

Die Art und Weise, wie man abklärt, ob eine Diagnose zu stellen ist, findet sich in den Leitlinien der AWMF:

Bei der Diagnostik muss immer auch ein Intelligenztest durchgeführt werden. Denn eine Entwicklungsstörung im Lesen, Rechtschreiben oder Rechnen liegt per Definition dann vor, wenn diese Leistungen weit unterdurchschnittlich sind trotz durchschnittlicher Leistung in einem Intelligenztest.


Es muss also eine Reihe an psychometrischen Tests durchgeführt werden (abgesehen von der genauen Anamneseerhebung, der Überprüfung auf andere psychische Störungen wie Angststörungen oder ADHS, der Überprüfung von Problemen im Sehen, Hören usw.).


Gütekriterien der psychometrischen Test

Bei der Auswahl der Tests ist zu beachten, dass nicht alle gleich gut sind: Es gibt erhebliche Unterschiede bezüglich der Gütekriterien der existierenden psychodiagnostischen Verfahren. Zum Beispiel gibt es Tests, die nur mit Daten von kleinen Stichproben entwickelt wurden. Die wichtigsten Gütekriterien sind:

  1. Objektivität: Sind die Ergebnisse unabhängig von Einflüssen der Untersucher oder der Untersuchungssituation bei Durchführung, Auswertung und Interpretation zustande gekommen)

  2. Reliabilität: Wird das Merkmal zuverlässig gemessen oder ist die Messung in zu großem Ausmaß mit Messfehlern behaftet?

  3. Validität: Misst das Verfahren tatsächlich das gewünschte Merkmal?

Das Testkuratorium der Föderation Deutscher Psychologenvereinigungen testet Tests. Manche schneiden dabei so schlecht ab, dass sich ihr Einsatz verbietet - trotzdem werden leider einige davon häufig eingesetzt in Praxen für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie in Deutschland. Grundsätzlich nutze ich in meiner Praxis nur Tests, die gute Kennwerte haben (zum Beispiel das Beck-Depression-Inventar II, BDI-II).


Bei den Tests auf Entwicklungsstörungen nutze ich zum Beispiel für das Rechnen im Grundschulalter den CODY-M 2-4. Er wird auf dem 1. Rang 1 der oben genannten S3-Leitlinie genannt.


Fehler vermeiden

Ich habe Hunderte Testdurchführungen bisher selbst durchgeführt und angeleitet. Deswegen weiß ich , dass manuelle Testauswertungen, bei denen Psychotherapeut*innen Dutzende bis Hunderte Seiten an Norm-Tabellen durchblättern müssen, anfällig für Fehler sind. Daher verwende ich soweit wie möglich elektronische Tests in der Durchführung und Auswertung, z.B. beim DISPYS-III oder beim WISC-V.


Zeitaufwand

Die Tests erfordern zur Durchführung (ohne Vorbereitung, Auswertung, Befundung) einen Zeitaufwand von insgesamt mehreren Stunden: Typischerweise werden für die Durchführung eines Intelligenztests wie dem WISC-V 90 Minuten benötigt. Rechtschreibtests wie die Hamburger Schreib-Probe benötigen etwa 20 Minuten, Lesetests wie der SLRT-II etwa 10 Minuten. Als Mathetest für die Grundschule verwende ich den CODY-M 2-4. Dieser erfordert etwa 45 Minuten zur Durchführung.


Was bedeuten Testwerte wie Prozentrang?

Das Ergebnis eines Tests kann mit verschiedenen Normwerten (T-Wert, IQ-Wert etc.) oder Prozenträngen ausgedrückt werden. Sie zu verstehen ist eine Grundvoraussetzung, um das Testergebnis zu verstehen. Um die Leistung einer Person ins Verhältnis zu setzen von anderen gleichaltrigen Personen, müssen schon bei der Testentwicklung möglichst große repräsentative Stichproben untersucht werden. Ein Test, der in der Psychotherapiepraxis durchgeführt wird, liefert dann Normwerte als Maßstab, um die individuelle Leistung einer Person zu den Ergebnissen der Vergleichsgruppe in Beziehung zu setzen.


IQ-Wert: Die bekannteste Normwert-Skala ist die IQ-Skala. Der Mittelwert ist 100, die Standardabweichung ist 15. Das bedeutet: Ein Wert von 100 bedeutet ein "genau" durchschnittliches Ergebnis, ab 115 spricht man üblicherweise von einem überdurchschnittlichen, unter 85 von einem unterdurchschnittlichen Ergebnis.


Prozentrang: Der Prozentrang verdeutlicht, wie viele der Vergleichspersonen besser beziehungsweise schlechter abgeschnitten haben als die betrachtete Person. Prozentränge zwischen 25 und 75 werden als Durchschnittsbereich bezeichnet.


Ein Prozentrang von 30 zeigt an, dass 30% der Getesteten schlechter bis gleich gut abgeschnitten haben – entsprechend erzielten 70% ein höheres Ergebnis.


T-Werte: Der Mittelwert entspricht einem T-Wert von 50, die Standardabweichung beträgt 10 T-Wert-Punkte. T-Werte unterhalb von 40 werden in der Regel als unterdurchschnittlich bezeichnet, T-Werte ab 60 als überdurchschnittlich.


Der folgende Rechner hilft bei der Umrechnung von IQ-Werten, T-Werten, Standardwerten und Prozenträngen: https://www.psychometrica.de/normwertrechner.html


Stanine (Standard Nine): Dabei wird der Bereich von „stark unterdurchschnittlich“ bis „stark überdurchschnittlich“ in neun Abschnitte aufgeteilt. Stanine 5 ist der Mittelwert, die Standardabweichung ist 2.


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