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Soziale Herkunft, Klassismus und Gemeindepsychologie

Mit dem Begriff Klassismus werden Vorurteile und Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft oder der sozialen Position bezeichnet. Das bekannteste Werturteil dieses Denkens ist, dass reiche Menschen sich ihren Reichtum verdient haben und arme Menschen sich ihre Armut verdient haben, da sie nicht so leistungsbereit seien und nicht so hart arbeiten wollen. Privilegierte Menschen attribuieren den eigenen Erfolg tendenziell nicht auf den Zufall einer hilfreichen Herkunft, sondern sie sehen ihren Erfolg als Folge ihrer Befähigung und ihrer Einsatzbereitschaft: Jeder kann es schaffen!


In Wahrheit spielt das Leistungsprinzip aber nicht die entscheidende Rolle in Deutschland für den gesellschaftlichen "Erfolg" oder die soziale Position. Die soziale Herkunft bei Geburt entscheidet in Deutschland sehr stark über den gesamten weiteren Lebensweg, zum Beispiel, welchen Beruf ein Mensch ergreift und wie sein sozioökonkmischer Status ist. Menschen mit nicht deutsch klingenden Nachnamen haben beispielsweise bei Bewerbungen für Arbeitsstellen oder Wohnungen oftmals Nachteile auch wenn die "Qualifikation" identisch ist.


"Making the psychological political“

Ein Teilbereich der Psychologie, der sich mit den Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlichen Bedingungen und Individuen beschäftigt ist die Gemeindepsychologie (englisch community psychology). Der deutsche Begriff" Gemeindepsychologie" wirkt etwas unglücklich, es gibt aber im Deutschen keine exakte Übersetzung für das, was im Englischen als "community" bezeichnet wird. Man könnte auch sagen Gemeinschaftpsychologie.


Sie ist ein Gegenentwurf zur Individualisierung von menschlichen Problemen und Leid. Soziale, gesundheitliche, psychische Faktoren sind sehr eng miteinander verbunden - wenn Probleme von Menschen überwiegend „psychologisch“ betrachtet und aufgefasst werden, geraten gesellschaftliche Bedingungen zu sehr aus dem Blick. Armut ist ein massiver Risikofaktor für psychische Störungen - Psychiatrie und Psychotherapie anstelle der Bekämpfung von Armut sollte nicht die Antwort sein.


Klassismus im deutschen Bildungssystem

Ein sehr gutes Interview mit dem deutschen Soziologen Aladin El-Mafaalani gibt es bei "Jung & Naiv" :



El-Mafaalani erklärt, welche historischen Ursachen die aktuellen Bildungssysteme in Deutschland haben. Die Einteilung in verschiedene Schultypen diente nicht dazu, Schüler*innen aufgrund Intelligenzunterschiede verschieden zu unterrichten, sondern war ein Mittel zur Reproduktion der Klassenunterschiede.


Klassismus und Psychotherapie

Die soziale Herkunft wirkt sich enorm aus auf die Gesundheit und die Teilhabe von Menschen in Deutschland aus. Die soziale Herkunft spielt dadurch auf mehreren Ebenen eine enorme Rolle für die Psychotherapie.


Ein Beispiel ist, dass Menschen mit geringem sozioökonomischen Status im Durchschnitt deutlich früher sterben in Deutschland als Menschen mit hohem sozioökonomischen Status.


Ein weiteres Beispiel lässt sich am Stanford Marshmallow-Experiment erkennen. Die bisherige, jahrelang akzeptierte Schlussfolgerung des berühmten Marshmallow-Tests mit Kindern war: Wenn Kinder einer süßen Versuchung nicht widerstehen können, sei das Ausdruck mangelnder Selbstkontrolle. Dies habe eine hohe Vorhersagekraft für die Entwicklung einer Person in der weiteren Lebensspanne. Eine Replikationsstudie von Entwicklungspsychologen um Tyler Watts von der New York University wirft erhebliche Zweifel darüber aus, ob man wirklich das - die persönliche Fähigkeit oder Fertigkeit zur Selbstkontrolle eines Menschen - bei diesem Experiment gemessen hat, oder etwas anderes. Wenn Forscher*innen andere Einflussfaktoren wie die soziale Herkunft herausrechneten, sagte die erreichte Wartezeit der Kinder nämlich nichts mehr über Leistungen und Verhalten in höherem Lebensalter aus.


Der Psychologe Christoph Bördlein erklärt, der Marshmallow-Test ist kein Beleg für Selbstkontrolle.


Auch Prof. Dr. Dr. Andreas Heinz spricht im Vortrag "Zum Verständnis psychischer Erkrankungen: Irren ist menschlich" über die Problematik von psychopathologischen Zuschreibungen sozialer Probleme:


Ein guter Artikel:


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