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Transgeschlechtliche und sexuelle Vielfalt in der Psychotherapie

Ein Symposium zum Thema transgeschlechtliche und sexuelle Vielfalt in der Psychotherapie fand beim DGVT-Kongress 2023 statt mit den Referent*innen Mari Günter, Kirsten Teren, Tilly Tracy Reinhardt und Gisela Fux Wolf.


Menschen erleben in unserer Gesellschaft vielfältige Formen der Stigmatisierung, wenn sie nicht der Mehrheitsgesellschaft angehören, deswegen gelte:

"Eine therapeutische Zurückhaltung ist bei diesem Thema fehl am Platz"

Leider gibt es Trans*negativität und Trans*feindlichkeit auch unter Psychotherapeut*innen, wie einige Einsendungen von Leser*innen-Kommentaren bei Zeitschriften zeigen oder wie sich in einigen Veröffentlichungen in Fachmagazinen zeigt. Hierbei spielen oftmals (berufs)politische Interessen und gesellschaftliche Moralvorstellungen eine Rolle. Die Stigmatisierung und Pathologisierung zeigt sich in der Vorstellung von Normativitätsannahmen (Zwei-Geschlechtlichkeit, Cis-Zentrismus, Heterosexismus): Abweichungen von der Norm wurden durch die Psychotherapie und Psychiatrie in der Vergangenheit (und wie gesagt teils heute noch) als pathologisch bewertet. Zu erinnern ist beispielsweise daran, dass bis vor wenigen Jahren psychoanalytisch orientierte Ausbildungsinstitute Psychotherapie-Kandidat*innen nicht zur Ausbildung zugelassen haben, wenn sie nicht heterosexuell waren.


Ein Beispiel: Die aktuelle Ausgabe eines psychoanalytisch orientierten Lehrbuches für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie widmet sich der Frage, welche Ziele durch Psychotherapie verfolgt werden sollten und wann eine Beendigung der Psychotherapie sinnvoll ist:


Dr. Gisela Fux Wolf fragt:

"Warum verharren so viele Psychotherapeut*innen bei überholten Ideen? Sonst sind Psychotherapeut*innen sehr lernbereit. Aber das verstehe ich nicht"

Hoffnung auf Entpathologisierung

Benannt wird auf dem Symposium, dass es durchaus Hoffnung gibt, dass auch Psychotherapeut*innen, die bisher mit ihren nicht evidenzbasierten Psychotherapietheorien wie fusioniert waren, dies reflektieren. So habe beispielsweise Sophinette Becker die "Gegenübertragungen" in der Begegnung mit trans* Menschen als ihre ganz eigenen Gedanken und Gefühle anerkennt, nämlich: Tiefe Ohnmacht, Distanzierung, Verwirrung. Kai von Klitzing fragt, ob trans* Geschlechtlichkeit vielleicht nicht mehr als krankhaft betrachtet werden sollte.


Einige wichtige Punkte zur Entpathologisierung sind:

  • Respekt vor Menschen - in der gewünschten Anrede, im Selbstverständnis, der Konzeptionalisierung

  • Akzeptanz der Selbstauskunft der geschlechtlichen Identität und Unterstützung bei allen Suchbewegungen

  • Validierung bei Diskriminierungserfahrungen

  • Fluidität / Queerness im Sinne von Ergebnisoffenheit gegenüber der Identitätsentwicklung etc.




Nicht trans* genug für die ICD-10?

Auch heute gebe es noch Patient*innen, berichtet die Referentin, die meinen, sie seien "nicht trans genug", da sie keine operativen Eingriffe wünschen - immerhin heißt es ja in der auch heute noch überall in Deutschland angewendeten ICD-10 in der Definition von "Transsexualismus" F64.0 ICD-10: "Es besteht der Wunsch nach chirurgischer und hormoneller Behandlung, um den eigenen Körper dem bevorzugten Geschlecht soweit wie möglich anzugleichen".


Die Referent*innen berichten auf dem DGVT-Symposium ein weiteres häufiges Problem aus der "tagtäglichen Diskriminierung" in Psychotherapie- und Arztpraxen: Trans* Patient*innen sagen, dass sie nicht mit dem auf der elektronischen Gesundheitskarte gespeicherten Vornamen und Geschlecht identifizieren - dann werden sie ein paar Minuten später beim Aufrufen mis-gendert (Was bedeutet Misgendern?).


Fetischistischer Transvestismus? Abgewehrte Homosexualität?

Auch heute noch müssen tran* Patient*innen in Deutschland darlegen, dass sie "wirklich" trans* sind und nicht doch etwa eine "abgewehrte Homosexualität" vorhanden ist. Die Überlegungen, welche hinter einer solchen "Abwehr" liegen, seien oftmals pseudowissenschaftlich und nicht mit wissenschaftlicher Psychologie vereinbar - man kann erhebliche begründete Zweifel haben, ob ein solches Vorgehen von Psychotherapeut*innen vereinbar ist mit §1 der Berufsordnung von Psychotherapeut*innen. Es ist auch fraglich, ob ein Vorgehen gegenüber Patient*innen, das die S3-Leitlinie Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans*-Gesundheit und die Standards of Care der WPATH missachtet, vereinbar sind mit den Prinzipen der Gesundheitsethik nach Tom Beauchamp und James Childress.


Beim Symposium werden weitere pseudowissenschaftliche Theorien genannt, die leider auch heute noch in manchen Psychotherapien genutzt würden:


"Beispielsweise das Narrativ, dass der trans* Geschlechtlichkeit ein Trauma in der Kindheit zugrunde liegt"

Es würden sich Menschen bei der Antidiskriminierungstelle melden, die berichten, dass Psychotherapeut*innen ihnen gesagt hätten: "Wenn Sie ein Trauma haben, befürworte ich Transitionsmaßnahmen nicht." Festgestellt wird: "Es gibt überhaupt keine Evidenz, dass trans* und Trauma ursächlich zusammenhängen. Das ist ein weit verbreitetes psychoanalytisches Konzept", erläutern die Referent*innen auf dem Symposium.


Medizinethische Diskussion

Eine häufige Frage laute: Ab welchem Alter sind Kinder oder Jugendliche in der Lage, über körperverändernde Maßnahmen in Bezug auf ihre Geschlechtsidentität selbst zu entscheiden? Einige wichtige Punkte hierbei seien:

  • Das "Kindeswohl" hat den Kindeswillen zu berücksichtigen. Kinder müssen in den Entscheidungsprozess einbezogen werden.

  • Wichtig ist: Ist ein Kind / ein*e Jugendliche*r in der Lage, Wesen, Tragweite und Bedeutung einer medizinischen Behandlung zu verstehen und den eigenen Willen danach zu bestimmen.

  • Es ist nicht sinnvoll, eine 100%ige Sicherheit von Menschen einzufordern, dass Menschen eine einmal getroffene Entscheidungen im Verlauf ihres Lebens niemals bereuen würden.

  • Ein genaues Alter hierfür gibt es nicht, da die Entwicklungsverläufe sehr unterschiedlicher sind - eine oben genannte Reife kann unter Umständen schon im Alter von 10 Jahren gegeben sein.


Wichtige Modelle

Ein bekanntes Modelle ist das Minority-Stress-Modell (Minoritätenstressmodell) nach Meyer. Hierzu gibt es einige Forschungsarbeiten. Dies hier ist ein trans*-spezifisches Modell Ott et al.:




ICD-11

Mari Günter berichtete über das Klassifikationssystem ICD-11 und die Folgen der Entpathologisierung von trans* und nichtbinären Personen.



Auf dem Symposium fand auch ein Debunking statt der Mythen, die rund um trans* Geschlechtlichkeit herrschen. So wurden zum Beispiel die Beiträge derjenigen Debattenteilnehmer*innen besprochen, die nach eigenen Angaben vor allem aus der Fürsorge für Kinder und Jugendliche "vor dem Transhype" warnen - und sich nicht von Rechtsextremen abgrenzen.


Links

Die Antidiskriminierungsstelle StandUp berät und unterstützt dich im Diskriminierungsfall – ob am Arbeitsplatz, in Behörden oder dem Gesundheitswesen, in Schule, Uni oder Nachbarschaft... Kostenlos und parteilich, für schwule und bisexuelle Männer, trans* und inter* Menschen:


Schulen müsste eigentlich dafür sorgen, dass trans* Schüler*innen nicht diskriminiert werden. In Berlin gibt es beispielsweise das Projekt Queerformat.


Landesverband AndersArtig e.V. Brandenburg: https://andersartig.info/




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