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Was hilft wirklich gegen Depressionen?

...fragt DIE ZEIT auf dem Titel vom 2.02.2023.




"Die Revolution"

Der Artikel der Journalist*innen Stefanie Kara und Corinna Schöps beginnt so: "Um Depressionen besser zu behandeln, revolutionieren Ärzte und Forscherinnen die Therapie". Das fand ich interessant, da ich mich beruflich seit vielen Jahren sowohl mit der Psychotherapie als auch mit der Pharmakotherapie der Depression sehr intensiv beschäftigt habe. Aber ich hatte noch nie etwas von einer Revolution gehört.


Als Revolution bezeichnen die ZEIT-Autor*innen die regelmäßige Evaluation des Therapiefortschritts, so wie es im Zentrum für psychologische Psychotherapie durchgeführt wird. Das Zentrum wird geleitet von meiner Kollegin Eva-Lotta Brakemeier (Twitter: @evalottabra) von der Uni Greifswald. Ich bin unsicher, worin genau die Autor*innen die "Sensation" sehen.


Es gehört zum Standard in die der Verhaltenstherapie die Symptomausprägung in jeder Stunde zu erfassen, zum Beispiel indem Patient*innen vor jeder Einheit kurz das Beck Depressions-Inventar II ausfüllen. So lassen sich gute Verläufe von problematischen erkennen. Seit vielen Jahren können Fragebögen wie diese von Patient*innen auf Tablets ausgefüllt und automatisch ausgewertet werden, zum Beispiel mit dem Hogrefe Test System. Die Autor*innen empfinden dies womöglich als "Sensation", da meiner Erfahrung nach dieser Evaluationsstandard in Deutschland nicht beachtet wird.


Gerd Schulte-Körne im ZEIT-Interview über Depressionen im Kindes- und Jugendalter


Gerd Schulte-Körne von der Kinder- und Jugendpsychiatrie des LMU Klinikums München erklärt im ZEIT-Interview: "Zum Glück ist die Versorgungssituation so gut in Deutschland" für Kinder und Jugendliche mit psychischen Erkrankungen. Über die Zahl der Psychotherapieplätze für Kinder und Jugendliche sagt er: "Gemessen an Ländern wie England und den USA haben wir eine extrem gute Versorgung". Er stellt außerdem die Frage, ob es sinnvoll sei, immer mehr Therapieplätze zu schaffen:


"Als Gesellschaft sollten wir uns fragen, ob wir den Reparaturbetrieb wirklich immer weiter ausbauen wollen"

Notwendigkeit wäre etwas anders:


Dass wir endlich mehr Prävention machen (...) So manche Erkrankung könnten wir durch frühe Interventionen in der Familie und in der Schule verhindern oder zumindest die Krankheitslast deutlich abmildern.

Gerd Schulte-Körne plädiert für Programme zur psychischen Gesundheit an Schulen. Er sagt, "die Schulen müssten sich ganz anders aufstellen und Kinder nicht nur in ihrer geistigen, sondern auch in ihrer psychosozialen Entwicklung fördern." Er erklärt, dass die meisten Lehrer*innen in Deutschland kein Wissen um die Störungsmodelle und Risikofaktoren der häufigsten psychischen Störungen haben:


"Die meisten Lehrkräfte erkennen solche Dynamiken nicht (...) Weil sie darauf im Studium nicht vorbereitet werden. Für mich ist das unbegreiflich: Wieso müssen sich angehende Lehrer nicht mit der Kinderpsyche beschäftigen?"


Gruppentherapie als Mittel gegen den Mangel an Therapieplätzen

Im Artikel Mut zur Gruppe beschreibt Corinna Schöps, dass es zwar heute sehr viel mehr Psychotherapieplätze gibt als früher, trotzdem gebe es bekanntlich sehr lange Wartezeiten. Mehrere Veränderungen wären möglich:


Die ersten möglichen Veränderungen nennt Mathias Berger, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie:

"Einer der Gründe scheint zu sein, dass wir sehr viele psychotherapeutische Kleinstpraxen haben, die wenige Patienten pro Jahr betreuen und daher in der Versorgung keine entscheidende Rolle spielen können."

Psychotherapeut*innen mit geringen Fallzahlen sollten sich besser anstellen lassen von anderen Praxen.


Eine weiter Möglichkeit: Wenn eine Psychotherapie nach einigen Einheiten keine ausreichende Wirksamkeit zeigt, um sie zu beenden, könnte man schneller als bislang die begonneme Therapieform beenden und eine andere Therapieform beginnen.


Außerdem könnten Hausärzt*innen durch die Hilfe von digitalen Gesundheitsanwendung (DiGA) mehr Patient*innen mit leichteren psychischen Störungen als bisher betreuen.


Die zweite Möglichkeit nennt Bernhard Strauß, Leiter des Instituts für Psychosoziale Medizin, Psychotherapie und Psychoonkologie an der Universität Jena.


Und noch einen Weg gibt es, mehr Plätze zu schaffen, ohne die Behandlung zu verschlechtern. Bisher wird er nur selten beschritten, weil viele Ärzte, Therapeuten und Patienten Vorbehalte haben: Gruppentherapie.

Der dritte dringend notwendige Punkt: Die Abschaffung der Psychotherapie-Ausbildung anhand von "Therapieschulen". Die gesetzlichen Regelungen durch die Psychotherapie-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschuss verhindern, dass Patient*innen die evidenzbasiert wirksamste Behandlung bekommen: Denn sie schreibt vor, dass Psychotherapeut*innen sich nach einer Therapie-"Schule" richten müssen - selbst wenn ihre Schule nicht die beste Therapieform bei einer bestimmten Problematik bereitstellt.

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