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Wie lernt man?

"Ich bin halt so, da kann man nichts machen", ist eine eher hinderliche Selbtbeschreibung, wenn man durch eine Psychotherapie an Veränderungen arbeiten möchte. Tatsächlich spielt die Frage, ob Verhalten selbstbestimmt gesteuert werden kann oder ob es primär die Folge ist von zum Beispiel einer genetischen Disposition, Kindheitstraumata und so weiter eine grundlegende Frage für die Psychotherapie.


Manche beschreiben den Gegenstand der Verhaltenstherapie als "Lernen fürs Leben". Kein anderes Verfahren baut so sehr auf empirisch -wissenschaftlicher Forschung zum Thema Lernen auf wie die Verhaltenstherapie.


Angeboren oder erworben?

Mozart gilt als Wunderkind, als der geborene« Musiker – ein Ausnahmetalent. Unter derselben Zuschreibung betrachten wir typischerweise Menschen wie Albert Einstein bis Lionel Messi. Andererseits ist bekannt, dass viele Spitzensportler schon sehr sehr früh angefangen haben, zu trainieren: Denken wir an Serena und Venus Williams, deren systematisches Training für das Tennisspielen im Kita-Alter begonnem hat.


Ein wichtiges Feld der Psychologie beschäftigt sich mit Lernvorgängen. Ein hörenswerter Beitrag von SWR 2 Wissen: Talent und Training.


Karl Anders Ericsson

Der aus Schweden stammende Psychologe K. Anders Ericsson (1947 - 2020) wurde berühmt für eine 1993 veröffentlichte Studie. The Role of Deliberate Practice in the Acquisition of Expert Performance (APA PsycNet). Deliberate Practice bedeutet in etwa reflektierte Praxis (Dorsch).



Der Ansatz Deliberate Practice räumte mit dem Mythos auf, dass es vor allem das Talent ist, das solche Höchstleistungen erklärt. Sie sind das Ergebnis von langjährigen hochstrukturierten und zielorientierten Übungs- und Lernprozesse.


Ericsson, zuletzt Professor für Psychologie an der Florida State University, war ein Pionier in der Erforschung dieser Deliberate Practice . Er sagte:


Die Leute glauben, dass, weil sich die Leistung eines Experten qualitativ von einer normalen Leistung unterscheidet, der Experte mit Eigenschaften ausgestattet sein muss, die sich qualitativ von denen normaler Erwachsener unterscheiden. [...] Wir stimmen zu, dass sich fachmännische Leistung qualitativ von normaler Leistung unterscheidet und sogar, dass fachkundige Darsteller Eigenschaften und Fähigkeiten haben, die sich qualitativ von denen normaler Erwachsener unterscheiden oder zumindest außerhalb des Bereichs davon liegen. Wir bestreiten jedoch, dass diese Unterschiede unveränderlich sind, dh auf angeborenes Talent zurückzuführen sind. Nur wenige Ausnahmen, allen voran die Körpergröße, sind genetisch vorgegeben. Stattdessen argumentieren wir, dass die Unterschiede zwischen erfahrenen Darstellern und normalen Erwachsenen eine lebenslange Zeit der bewussten Anstrengung widerspiegeln, die Leistung in einem bestimmten Bereich zu verbessern.

10.000 Stunden üben?

Es war nicht K. Anders Ericsson, der die Behauptung aufstellte, man müsse 10.000 Stunden üben um eine Fertigkeit zu beherrschen. Diese Zahl ist unseriös, auch wenn das Motto Übung macht den Meister grundsätzlich nicht falsch ist. Ericsson versuchte sich während seines Lebens mehrfach, von dieser falschen Zuschreibung zu distanzieren.


Zum Vergleich: Die Ausbildungs- und Prüfungsordnung für Psychotherapeuten*innen, die ich zu beachten hatte, schrieb eine mindestens 4200 Stunden umfassende Psychotherapieausbildung vor:


  • 600 Stunden Vermittlung von theoretischem Wissen

  • 1800 Stunden praktische Tätigkeit

  • 600 Stunden praktische Ausbildung, also Psychotherapie-Ausführung

  • 150 Stunden Supervision (alle 4 Therapiestunden)

  • 120 Stunden sogenannte Selbsterfahrung

  • 930 Stunden ergänzendes Studium, das nicht inhaltlich festgelegt ist und daher "freie Spitze" genannt wird (z.B. Literaturstudium)

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