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Der Tiefpunkt der Debatte um wissenschaftliche Psychotherapie: Der Nazi-Vergleich

Seit einigen Jahrzehnten gilt das Prinzip der Evidenzbasierung im deutschen Gesundheitssytem. Seitdem versuchen Anhänger*innen von Therapien, die wissenschaftlich nicht oder nur schlecht auf Wirksamkeit überprüft wurden, mit vielfältigen Argumentationsstrategien vorzugehen. Immer wieder neu wird seit knapp 20 Jahren dieser Vorwurf geäußert (der jedoch stets als "Sorge" bezeichnet wird):


Der Fokus auf evidenzbasierte Therapien sei nur ein Deckmantel der Machthaber in Politik und Wirtschaft, um Geld einzusparen. Traditionelle Therapien sollen "abgeschafft, verdrängt und ausgegrenzt" werden, heißt es in der "Bonner Erklärung" aus dem Jahr 2006. Die "Bonner Erklärung" stammt von Psychotherapeut*innen eines Symposium mit dem Titel "Das Unbehagen in der (Psychotherapie-)Kultur" - eine Anspielung auf Sigmund Freud.


Die Unterzeichner*innen kritisieren die Evidenzbasierung scharf, da Psychotherapie sonst zum "Anwendungsfeld wissenschaftlichen Wissens degradiert wird". Meiner Meinung nach sollte genau das der Fall sein: Psychotherapie sollte wissenschaftliche Erkenntnisse der Psychologie anwenden.


"Vielfalt" wird zum Kampfbegriff gegen evidenzbasierte Gesundheitsversorgung

Das "System" wolle die "Vielfalt" unterschiedlicher Therapieansätze bei ein und derselben Erkrankung abschaffen, sodass nur noch eine "Kochbuch-Therapie" und "Einheitstherapie" übrig bleibe. Wissenschaftliche Psychologie wird in diesem Kontext oft als "Mainstream"-Psychologie diskreditiert, die "nicht ganzheitlich" sei.


Auch die Psychoanalytikerin Ilka Quindeau argumentierte als Präsidentin der International Psychoanalytic University Berlin (IPU) so in einem Kommentar der TAZ. Sie erwähnt nicht, dass evidenzbasierte Diagnostik und Therapie, das wesentliche Ziel haben, das Recht von Patient*innen auf die am besten untersuchte Vorgehensweise ihrer Erkrankung verwirklichen soll. Stattdessen vergleicht sie das Vorgehen mit dem der Nationalsozialisten:


"Der Gedanke einer Einheitstherapie ist indes nicht neu: In den 1930er Jahren suchten ihn die Nazis nach der Zerschlagung der psychoanalytischen Institute durchzusetzen"

Evidenzbasierung im Gesundheitssystem mit dem Vorgehen der Nationalsozialisten zu vergleichen oder Parallelen zur europäischen Judenverfolgung zu insinnuieren, ist meiner Meinung nach nicht die Art, wie über wissenschaftliche Inhalte debattiert werden sollte. Am Ende ihres Kommentars fordert sie dann:


"es kann nicht angehen, dass als „wissenschaftlich“ nur noch gilt, was sich messen und zählen lässt"

Meiner Meinung nach kann das "angehen" in der Behandlung von Krankheiten und in empirischen Wissenschaften wie der Klinischen Psychologie.

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