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Die wissenschaftliche Methode als Grundlage der empirischen Psychologie und Psychotherapie


Auf Twitter wird seit Jahren eine Debatte über die wissenschaftliche Begründung von Psychotherapie zwischen naturwissenschaftlich-empirisch denkenden Psycholog*innen und Psychoanalytiker*innen geführt. Tim Kaiser informiert beispielsweise regelmäßig über evidenzbasierte Klinische Psychologie. Ein Twitter-Nutzer drohte ihm mit Konsequenzen und schrieb, er würde gegen Kaiser vorgehen.



Hier ein paar Einblicke in Statements der letzten Tage mit den wichtigsten Protagonisten.


Evidenz gibt es nicht?

Evidenzbasierte Therapie gebe es gar nicht wirklich, sagt der Psychoanalytiker Cord Benecke. Er verweist auf ein Paper des Psychoanalytiker Jonathan Shedler. Shedler sagt: Psychotherapie, die auf empirischer Forschung basiert sei nicht besser als Psychotherapie, die ohne wissenschaftliche Forschung existiert.



Die Psychologie ist nur eine neidische Tante der Psychotherapie?


Die wissenschaftliche, empirische Psychologie sei nicht die Basis für Psychotherapie, meint Benecke.



Das ist interessant, wenn man das Standardwerk eines der führenden deutschen Psychotherapieforschers kennt, Klaus Grawe.


Einzelfälle sind ein wissenschaftlicher Beweis

Cord Benecke und Jonathan Shedler, auf den sich Benecke bezieht, argumentieren wie schon Sigmund Freud argumentiert hatte. Freud schrieb, seine persönlichen Einzelbeobachtungen würden eine wissenschaftliche Überprüfung obsolet machen:


„Ich habe Ihre experimentellen Arbeiten zur Prüfung psychoanalytischer Behauptungen mit Interesse zur Kenntnis genommen. Sehr hoch kann ich diese Bestätigungen nicht einschätzen, denn die Fülle sicherer Beobachtungen, auf denen jene Behauptungen ruhen, macht sie von der experimentellen Prüfung unabhängig.“

- Sigmund Freud an Saul Rosenzweig, 1934


Das Gegenteil liest sich zum Beispiel in einem Paper von Meehl, P. E. (2015) über die Frage, wem man glauben kann, was man glauben kann: Credentialed Persons, Credentialed Knowledge

"The vast experimental literature on human error agrees with history of medicine, folklore, and superstition In discrediting knowledge claims based solely on anecdotal impressions.

Since clinical experience consists of anecdotal impressions by practitioners, it is unavoidably a mixture of truths, half-truths, and falsehoods. The scientific method is the only known way to distinguish these, and it is both unscholariy and unethical for psychologists who deal with other persons' health, careers, money, freedom, and even life itself to pretend that clinical experience suffices and that quantitative research on diagnostic and therapeutic procedures is not needed.

Disputes about philosophy of science (e.g., logical positivism) are irrelevant to this issue, which is simply one of distinguishing knowledge claims that bring reliable credentials and others that do not.


Das Konstrukt der "Abwehrmechanismen" ist empirisch messbar?


Als der Psychotherapeut Umut Özdemir schreibt, dass es sich bei den Abwehrmechanismen (zum Beispiel "Spaltung") nicht um empirisch messbare Phänomene handelt, gibt Benecke ihm diese Aufgabe: "bitte mal lesen ..."



Das Paper The Conceptual Tragedy in Studying Defense Mechanisms zeigt eine "Tragödie" der Psychoanalyse: Wenn Behauptungen, Modelle, Hypothesen und Axiome nicht klar unterschieden und unklar definiert sind, macht das eine wissenschaftliche Erforschung unmöglich. Das erinnert meiner Meinung nach an die Debatte, die vor einigen Jahren von Neurobiolog*innen über den freien Willen geführt wurde. Die Debatte verlief oft so unproduktiv, da Begriffe nicht klar definiert wurden (zum Beispiel was genau ist ein "Wille", wenn man eben nicht nur Laien- und Alltags-psychologisch diesen Begriff benutzen möchte).

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