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Möglichkeiten digital unterstützter Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie

Prof. Dr. Anja Götz-Dorten berichtete heute beim DGVT-Kongress über Möglichkeiten digital unterstützter Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie.



Oppositionelles, aggressives und dissoziales Verhalten ist die mit Abstand häufigste Problematik, wegen der Menschen in meiner Psychotherapie-Praxis erscheinen. Fast nie sind es die Menschen, die dieses Verhalten zeigen, die eine Psychotherapie nachfragen, sondern fast immer Eltern, Lehrer*innen, Jugendamtsmitarbeiter*innen, Schulsozialarbeiter*innen und so weiter, die ein Kind oder Jugendlichen bei mir zur Therapie "schicken".


Sinnvoll für die Behandlungsplanung ist dabei unter anderem die Differenzierung, ob primär Gleichaltrigenaggression vorliegt oder ob primär oppositionelles, verweigerndes, aggressives Verhalten gegenüber Erwachsenen (Eltern, Lehrer*innen) vorliegt.


Psychotherapie nach THAV und ScouT

Deswegen biete ich das Therapieprogramm für Kinder mit aggressivem Verhalten (THAV) an sowie das Soziale Computerunterstützte Training für Kinder mit aggressivem Verhalten (ScouT). Diese Form der Psychotherapie besteht nicht im reinen Sprechen über das Verhaltens und Erleben, sondern es kommen Handpuppen und Videos zum Einsatz.


Künftig könnte zusätzlich virtuelle Realität (VR) eingesetzt werden - so wie ich dies bereits umsetze mit digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGa), die VR-Brillen beinhalten wie die DiGa Invirto.


Ein großes Problem ist, dass betroffene Kinder oftmals Therapiehausaufgaben wie das Protokollieren von Situationen und Verhalten nicht erledigen - trotz ausführlichem Aufbau von Motivation, trotz Verstärkung durch Spielzeit und so weiter. Dies wäre aber sehr wichtig für eine zielgerichtete Psychotherapie. Wenn ich Kinder ansonsten retrospektiv befrage, warum sie vergangenen Donnerstag von der Schule eine Suspendierung bekommen haben, heißt eine nicht seltene Antwort etwa: "Ich habe nichts gemacht".


Es gibt "Importprobleme" und "Importprobleme" bei Psychotherapie:

  1. Probleme im Verhalten und Erleben von Patient*innen im Alltag, also zum Beispiel aus dem Schulhof, lassen sich nicht leicht "importieren" in die Therapiesitzung.

  2. Therapiemaßnahmen aus der Therapiesitzung lassen sich oft nur schwer in den Alltag transferieren.


Soziale Informationsverarbeitungsprozesse sind beteiligt bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Störungen des Sozialverhaltens. Auch dies führt dazu, dass Fragen von Psychotherapeut*innen an ihre jungen Patient*innen mit Sozialverhaltensstörungen über Problemsituationen oft nicht "objektive" Tatsachenbeschreibungen liefern.

Beispielsweise unterstellen Kinder mit Störungen des Sozialverhaltens anderen eher feindselige Absichten.


AUTHARK-App

Seit vielen Jahren benutze ich bereits die AUTHARK-App in der Psychotherapie mit aggressiven Kindern im Alter zwischen 6 bis 12 Jahren als Therapiebegleitung. "AUTHARK" steht für App-unterstützte Therapiearbeit für Kinder. In der App wird der Charakter "Til" den Kindern vorgestellt. Sie enthält beispielsweise diese Inhalte, die von Psychotherapeut*innen individuell eingestellt werden können:

  • Psychoedukation zu dem jeweiligen Störungsbereich: Über die Das Störungsmodelle und das Therapie-Rational werden kindgerecht erklärt

  • Videotagebuch

  • Momentary assessment: Das Kind beurteilt das aktuelle Verhalten und Erleben (Stimmung, bestimmte Kognitionen etc.)

  • Problemlösetraining: "Till" fragt das Kind um Rat.

  • Erinnerungsfunktion:

  • Verstärker im Sinne der operanten Konditionierung: Das Kind kann Token verdienen für die Umsetzung von Aufgaben, die eingetaucht werden können.


App ADHS Kids für die Bezugspersonen (Eltern)

Außerdem nutze ich in meinen Elterngruppen nach THOP die "ADHS Kids"-App.


Begrenzte Wirkung von Psychotherapie für Kinder und Jugendliche

Anja Götz-Dorten erklärt, dass Psychotherapie bekanntlich grundsätzlich wirksam ist, aber 37% aller Patient*innen profitieren nicht, wenn die beste verfügbare Psychotherapie angeboten wird, zeigt eine Metaanalyse. Grundlegende neue Psychotherapiekonzepte sind auch nicht entwickelt worden in den letzten Jahren - wenn Psychotherapeut*innen mehr Patient*innen wirksam helfen wollen, müssen wir vorhandene Ansätze besser umsetzen. "Einfach nur quatschen bei Angststörungen funktioniert nicht, da wissen wir, dass Expositionen wirksam sind".


In der Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen sind Motivationsprobleme hinsichtlich der Veränderungsmotivation eher die Regel, als die Ausnahme. Dies ist ein entscheidender Faktor für das Misslingen einer Psychotherapie. Um dies zu adressieren können digitale Maßnahmen helfen, um Kinder und Jugendliche besser mit Psychotherapieinhalten so zu erreichen, dass sie die Maßnahmen tatsächlich zwischen den Therapiesitzungen umsetzen - das Selbstmanagement zwischen den Therapiesitzungen, nicht die Sitzungen selbst, sind die wesentlichen Elemente, die über den Therapieerfolg oder -misserfolg entscheiden.


"Dabei sind therapeutische Hausaufgaben ein unverzichtbarer Bestandteil, um Therapieinhalte in den Alltag der Kinder zu transferieren und zwischen den Therapiesitzungen neu erlernte Strategien zu trainieren und zu vertiefen"

Versorgungsprobleme bei psychischen Störungen von Kindern und Jugendlichen

Wenn man die Versorgung von Kinder und Jugendlichen mit psychischen Störungen in Deutschland betrachtet, zum Beispiel Kazdin & Blase (2011), könne man zu diesem Schluss kommen: Es sei völlig unrealistisch, dass fast alle Kinder und Jugendlichen, die eine psychische Störung haben, eine, "face to face"-Psychotherapie erhalten - dafür bräuchten wir extrem viel mehr Kassenpraxen, nicht nur einige mehr.


JAY: Journaling App for Youth

Anja Götz-Dorten stellte außerdem die App JAY vor, in der Jugendliche ihr Verhalten und Erleben protokollieren können. Die App beinhaltet neben dem Tagebuch per Video oder per Chat auch Psychoedukation. Das momentary assessment beinhaltet 17 Affekte für die Abfrage des momentanen Erlebens.


App-unterstützte Psychodiagnostik und Psychotherapie

Bei der hervorragenden Veranstaltung beim DGVT-Kongress berichtete zudem Leonie Hofmann erste Ergebnisse laufender Studien zu den Apps AUTHARK und JAY.


Sie berichtet über die Fragen, ob das App-unterstützte Vorgehen zur Verbesserung der Therapie-Hausaufgaben-Erledigung beiträgt und ob es auch zur Verlaufsmessung geeignet ist.

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