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Mythen erschweren traumafokussierte Psychotherapie der PTBS: DGVT-Preis für Rita Rosner

Ein Symposium des DGVT-Kongresses 2023 handelte von der "Entwicklung der verhaltenstherapeutischen Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit PTBS". Es gebe leider erhebliche Mängel in Deutschland bei der Dissemination und Implementation evidenzbasierter Psychotherapien. Dies zu adressieren habe sich Professorin Rita Rosner vorgenommen. Für dieses Engagement und ihren Einsatz gegen Fehlbehandlungen, so die Laudatio von Brigitte Lueger-Schuster, bekam sie beim Kongress den DGVT-Preis überreicht.


Häufige Mythen gegenüber der traumafokussierten Psychotherapie

Fast zeitgleich zur Verleihung des Preises an Rita Rosner erschien im Psychotherapeutenjournal 1/2023 ein Artikel von Philipp Herzog, Tim Kaiser & Ad de Jongh über Mythen der traumafokussierten Psychotherapie und wie diese die Versorgung erschweren. Auch Rita Rosner sprach über die Bedenken vieler Psychotherapeut*innen gegenüber wissenschaftlicher Forschung:

"Ich habe viele Kolleg*innen gehört, die Vorbehalte haben gegen randomisierte kontrollierte Studien. Dabei sind diese Studien der beste Praxistest"

Rita Rosner sagt, es gebe viele Mythen über die traumafokussierte Psychotherapie. "Es scheint fast, als kriegen wir diese ganzen Mythen nicht mehr los. Es wird oft so getan, als ob Traumatherapie eine Art Geheimwissenschaft ist", sagt sie.

"Immer wieder heißt es, eine traumafokussierte Therapie führe zu einer Retraumatisierung. Das ist nicht der Fall! Schon vor 20 Jahren gab es Studien, die das gezeigt haben"

Von einer Zuhörerin wird die Frage nach der Stabilisierung von Kindern und Jugendlichen gestellt; sie sei zwar eigentlich Verhaltenstherapeutin, arbeite aber nach an tiefenpsychologischen Konzepten, weshalb sie verunsichert sei, wie sie nun vorgehen solle; sie fragt: "Wann sind Kinder stabil genug, um eine traumafokussierte Therapie zu machen?" Die äußere Lebenssituation von Kinder und Jugendlichen ist zum Beispiel stabil genug, wenn kein Täterkontakt mehr vorliegt; in der TF-KVT gebe es lediglich eine kurze Stabilisierungsphase von 4 Wochen, bevor die traumafokussierten Interventionen beginnen.


Forschung zu den Bedenken vieler Psychotherapeut*innen über eine sogenannte "Retraumatisierung" wurde auch durchgeführt hinsichtlich der Anwendung eines Routine-Trauma-Screenings bei Jugendlichen: Reported Levels of Upset in Youth After Routine Trauma Screening at Mental Health Clinics


Anne Fischer, Rita Rosner, Babette Renneberg und Regina Steil stellen Forschungsergebnisse vor zur der Frage , ob traumafokussierte Psychotherapie zu einer Zunahme an Problemverhalten führt. Untersucht wurde die Entwicklungsangepasste Kognitive Verhaltenstherapie (E-KVT) zur Behandlung einer PTBS nach Missbrauch bei Jugendlichen. Die E-KVT nutzt Methoden der Cognitive Processing Therapy (CPT) zur intensiven Traumabearbeitung, eingebettet in ein Behandlungsprogramm das unter anderem ergänzt wird aus einer Phase des Beziehungs- und Motivationsaufbaus. Die E-KVT arbeitet zeitlich hochfrequent. Ergebnis: Während E-KVT zeigen Jugendliche keine Zunahme an Problemverhalten - entgegen den Befürchtungen vieler Psychotherapeut*innen. Ein weiterer Mythos ist, dass schwer belastete Patient*innen eine besonders lange Behandlung bräuchten. Die oben genannte intensive, aber eben nicht Jahre dauernde Behandlung, spricht dagegen.



"Das Tragische ist: Wenn Kinder und Jugendliche mit PTBS richtig behandelt worden wären, nämlich mit traumafokussierter Psychotherapie, hätten wir viel weniger Patient*innen im Erwachsenenalter mit Chronifizierung der PTBS-Symptomatik"

Je größer die irrationale Angst von Psychotherapeut*innen vor einer traumafokussierten Psychotherapie sei, desto weniger wahrscheinlich war die Durchführung dieser Form der Psychotherapie - obwohl sie die am besten untersuchte Therapieform ist mit dem besten Wirksamkeitsnachweis.


Traumafokussierte Kognitive Verhaltenstherapie (TF-KVT) für Kinder und Jugendliche

Die Erforschung der traumafokussierten Kognitiven Verhaltenstherapie (TF-KVT) für Kinder und Jugendliche in Deutschland geht entscheidend auf die Arbeit von Rita Rosner zurück. Ohne sie hätte es zudem nicht das kostenlosen Online-Programm gegeben, bei welchem Psychotherapeut*innen diese evidenzbasierte Form der Psychotherapie erlernen können:



Für die Behandlung der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) zeichnet sich ab, dass wir die in Deutschland übliche Behandlung überdenken müssten, wenn wir Patient*innen die wirksamste Form der Hilfe anbieten möchten. Die übliche Form der ambulanten Psychotherapie in Deutschland besteht aus 50minütigen Sitzungen einmal pro Woche, dafür nicht einen längeren Zeitraum. Es gibt Hinweise, dass stattdessen eine intensive traumafokussierte Therapie deutlich wirksamer ist. Auch in der S3-Leitlinie zur Posttraumatischen Belastungsstörung aus dem Jahr 2019 heißt es, dass Studien "belegen, dass auch bei schwer – oft in der Kindheit – Traumatisierten eine deutliche Verbesserung in Symptomatik und Lebensqualität durch eine intensive stationäre Therapie erreicht werden kann. Dies ist um so bedeutsamer, wenn man sich die lange Symptomdauer und oft hohe Komorbidität sowie die Bindungsstörungen dieser Patienten vergegenwärtigt. Gleichwohl merken Rosner et al. kritisch an, dass auch hier nur zu einem geringen Prozentsatz traumafokussierte Verfahren angewendet werden".


Definition "Trauma"

Der Begriff "Trauma" wird leider sehr oft sehr ungenau definiert benutzt und bezogen auf spezielle Theorien der Psychotherapie. "Wer bin ich, um Patienten zu sagen, dass das, was sie erlebt haben, kein Trauma ist", habe ich auf entsprechenden Fortbildungen von Kolleg*innen gesagt. So kommt es, dass manche zum Beispiel die Geburt von Menschen immer als "Trauma" definiert ist, welches zum Beispiel ADHS hervorrufen könne...


Nach den Klassifikationssystemen ist ein traumatisches Erlebnis jedoch:


PTBS und kPTBS nach ICD-11

Elisa Pfeiffer vom Universitätsklinikum Ulm, Sektion Psychotherapieforschung und Verhaltensmedizin, referierte auf dem Kongress auf sehr informative Weise u.a. über die Symptome der PTBS und der komplexen PTBS (kPTBS) nach ICD-11. Sie erinnert daran, dass sich der Begriff "komplex" nach ICD-11 nicht darauf bezieht, dass eine Person "komplexe Traumata" erlebt hat, sondern der Begriff bezieht sich auf die vorhandene komplexe Symptomatik, die Patient*innen zeigen.

Ebenso sehr hilfreich referierte Rebekka Eilers über die neue Diagnose in der ICD-11, der kPTBS. Die kPTBS beinhaltet zusätzliche Schwierigkeiten in der Selbstorganisation (disturbances in self-regulation) bezüglich Emotionsregulation, Selbstbild und interpersonellen Beziehungen:

Die ICD-11-(k)PTBS-Kriterien führen zu sinkenden Häufigkeitsraten bei Kindern und Jugendlichen. Die ICD-11-Macher*innen haben sich entschieden, keine alters- und entwicklungsangepassten Kriterien einzuführen für die (k)PTBS.


CATS-Fragebogen

Im Rahmen von routinemäßigen Screeninings nach potentiell traumatischen Erlebnissen (PTE) und PTBS in klinischen Inanspruchnahmepopulationen geben etwa zwei Drittel der befragten Kinder und Jugendlichen an, mindestens ein PTE erlebt zu haben. Etwa 30% der Kinder geben sogar vier oder mehr traumatische Ereignisse an und etwa 20 % berichten von klinisch relevanten PTBS-Symptomen. Mit dem Child and Adolescent Trauma Screen 2 (CATS-2) steht ein frei verfügbares und in viele Sprachen übersetztes Instrument zur Erfassung von PTEs und PTBS-Symptomen zur Verfügung.


Download des Trauma-Screening-Fragebogens CATS (Child and Adolescent Trauma Screening): https://ulmer-onlineklinik.de/course/view.php?id=1701


Klinisches Interview CAPS-CA

Das CAPS-CA-5 (Clinician-Administered PTSD Scale for DSM-5) ist ein klinisches Interview zur Diagnosestellung einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) für Kinder und Jugendliche ab einem Alter von 7 Jahren und besteht aus 30 Items, welche die Diagnosekriterien einer PTBS nach dem DSM-5 erfassen. Die Skala ist eine modifizierte Version des CAPS-5 für Erwachsene.




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