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Was ist neu in der ICD-11?

In gesundheitsbezogenen Klassifikationssystemen sind Hunderte psychischer Störungen aufgeführt und anhand von Diagnose-Kriterien definiert. Diese Klassifikationssysteme spielen eine große Rolle:

  • Die ICD der World Health Organization (WHO), also der Weltgesundheitsorganisation

  • Das DSM-5 der American Psychiatric Association (APA), also der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft.

Im Mai 2019 wurde die finale Fassung der ICD-11 veröffentlicht (das Deutsche Ärzteblatt berichtete). Am 1.2.2022 trat sie offiziell in Kraft. Es wird aber davon ausgegangen, dass es noch viele Jahre dauern wird, bis sie wirklich in deutschen Arztpraxen, Krankenhäusern und Psychotherapiepraxen angewendet wird zur Klassifikation.

Die WHO hat in der ICD-11 einige Änderungen vorgenommen. Die ICD-11 umfasst 55.000 Krankheiten / Störungen, Symptome, Verletzungsursachen und Gesundheitsfaktoren. Einige psychische Störungen / Krankheiten existieren seit Februar 2022 nicht mehr, andere psychische Störungen wurden erschaffen.


Abgeschaffte psychische Störungen

Zum Beispiel existiert "Transsexualismus" nicht mehr als Diagnose. Als neues Phänomen, das mit der Gesundheit in Verbindung steht, wurde Geschlechtsinkongruenz (gender incongruence) aufgenommen. Geschlechtsinkongruenz ist außerdem nicht mehr eine psychische Störung nach dem Kapitel "F" der ICD-10, also dem Kapitel 6 der ICD-11. Stattdessen wird Geschlechtsinkongruenz aufgeführt in Kapitel 24 der ICD-11: Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen oder zur Inanspruchnahme des Gesundheitswesens führen.


Neu erschaffene psychische Störungen

Ein Beispiel einer neu geschaffenen psychischen Störung ist die Computerspielabhängigkeit (gaming disorder): Der Diagnosecode 6C51 findet sich im Bereich der psychischen, Verhaltens- und neuronalen Störungen. Ähnlich wie beim Konstrukt der Abhängigkeitsstörungen im Allgemeinen, kann von einer Computerspielabhängigkeit ausgegangen werden wenn drei dieser wesentlichen Symptome vorhanden sind:

  1. Kontrollverlust über das Spielverhalten

  2. Wachsende Bedeutung des Spielens über andere Interessen und Aktivitäten hinaus

  3. Weiterspielen trotz negativer Konsequenzen


Eine "Revolution" bei den Persönlichkeitsstörungen

Es gebe eine "Revolution" sagt Babette Renneberg, Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der FU Berlin bei der Klassifikation der Persönlichkeitsstörungen im Deutschlandfunk: Psycho-Revolution. Neustart in der Psychiatrie. Es existieren mit dem Inkrafttreten der ICD-11 aus guten Gründen keine spezifischen Persönlichkeitsstörungen. Es gibt also die "narzisstische Persönlichkeitsstörung" (F60.80 ICD-10) nicht mehr.


Ein Grund für das Ende dieses Konstruktes: Für die ICD-11 wurden vorhandene Diagnosen auf ihre Gütekriterien hin überprüft: Eine hohe Reliabilität und Validität sind wichtig, dazu gehört auch die Interrater-Reliabilität, also die Frage, mit welcher Wahrscheinlichkeit zwei Diagnostiker*innen bei einem / einer Patient*in zur selben Diagnose kommen (gemessen in »Cohens Kappa«).


Dieser wissenschaftliche Konsens wird ignoriert von vielen content creator*innen: Es lassen sich sehr erfolgreich sehr viele Filme, Bücher und Artikel produzieren zum Beispiel über die narzisstische Persönlichkeitsstörung. In dieser ARTE-Doku vom 12.02.2023 wird mit keinem Wort erwähnt, dass es seit 1.1.2022 , dem Inkrafttreten der ICD-11, die Diagnose nicht mehr gibt:



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