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Wie wirksam sind Antidepressiva bei Depressionen?


"Antidepressiva helfen weniger, als du denkst", heißt ein Krautreport-Artikel von Martin Gommel. Dabei stellt der Autor gleich zu Beginn klar: Er nimmt selbst Antidepressiva ein. Nötig sei aber ein Umdenken.


Es gibt ein paar kritische Jahre in der Medizin, der Psychologie und Psychotherapie, in denen der Glaube an Wahrheiten in Frage gestellt und erschüttert wurde. Der Statistiker John Ioannidis von der Stanford-Universität zeigte 2005 für die Medizin Why Most Published Research Findings Are False (Ioannidis war eine Ikone bis er zum notorischen COVID-19-Verhamloser wurde). 2011 traf die Replikationskrise die Psychologie, als bekannt wurde, dass die Ergebnisse vieler psychologischer Studien sich nicht replizieren ließen. Joanna Moncrieff veröffentlichte in Molecular Psychiatry 2022 diesen Artikel:


The serotonin theory of depression: a systematic umbrella review of the evidence


Einer Vielzahl an Patient*innen, die wegen einer Depression ärztliche Hilfe suchten, wurde erklärt, dass Depressionen durch ein "Ungleichgewicht im Gehirn" an chemischen Botenstoffen, sogenannten Neurotransmittern, verursacht sein können. Dabei sei insbesondere das Serotonin bedeutend, welches in nicht ausreichender Menge im Gehirn vorhanden sei. Durch diesen Mangel komme es zu den depressiven Symptomen wie Freudlosigkeit und Antriebsmangel. Moncrieff und Kolleg*innen zeigten: Es gab noch nie Evidenz, dass das stimmt.


Psychiater*innen erwiderten auf die Publikation von Moncrieff et al.: Das habe ja nie jemand ernsthaft behauptet mit dem Serotonin-Mangel, es sei natürlich nie Ziel gewesen, depressiven Patient*innen bis ins letzte Detail Forschungsfragen zu erklären, sondern eine plausible Erklärung zu bieten, warum Antidepressive helfen. "Aus meiner Sicht wäre diese Studie nicht nötig gewesen", sagt Ulrich Hegerl, der Vorsitzende der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.


Das ist sicher ein Grund, warum der Serotonin-Mythos so erfolgreich war, trotz besseren Wissens: Alles war so schön einfach und plausibel. Auch der Name: Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) wie Citalopram oder Fluoxetin sorgen - wie der Name schon sagt - dafür, dass die Wiederaufnahme von Serotonin aus dem synaptischen Spalt verhindert wird. Mehr Serotonin gegen den Serotoninmangel. Joanna Moncrieff findet, dass Fehlinformationen wie die Serotonin-Hypothese Patient*innen hindern, eine informierte Entscheidung zu treffen. Auch in Deutschland sind Psychotherapeut*innen und Ärzt*innen immer zur Aufklärung verpflichtet nach §630e BGB:


Der Behandelnde ist verpflichtet, den Patienten über sämtliche für die Einwilligung wesentlichen Umstände aufzuklären. Dazu gehören insbesondere Art, Umfang, Durchführung, zu erwartende Folgen und Risiken der Maßnahme sowie ihre Notwendigkeit, Dringlichkeit, Eignung und Erfolgsaussichten im Hinblick auf die Diagnose oder die Therapie. Bei der Aufklärung ist auch auf Alternativen zur Maßnahme hinzuweisen, wenn mehrere medizinisch gleichermaßen indizierte und übliche Methoden zu wesentlich unterschiedlichen Belastungen, Risiken oder Heilungschancen führen können.



Wirksamkeit

Die oben genannte Studie von Moncrieff beschäftigt sich mit der Pharmakologie von Antidepressiva. Die Pharmakologie ist Lehre von den Wechselwirkungen zwischen einem Arzneimittel, das wir dem Körper zuführen und unserem Organismus. Sie besteht aus der Pharmakokinetik (was macht der Körper mit der Substanz) und der Pharmakodynamik (was macht die Substanz mit dem Körper). Eine andere Frage, von der oben genannten Studie nicht erfasst, ist die Wirksamkeit von Antidepressiva. Bei einer mittelschweren bis schweren Depression profitieren etwa 20 bis 40 von 100 Menschen wenn sie ein Placebo einnehmen, etwa 40 bis 60 von 100 Menschen profitieren wenn sie ein Antidepressivum einnehmen, also 20 bis 40 von 100 profitieren durch Antidepressiva. Quelle: https://www.gesundheitsinformation.de/wie-wirksam-sind-antidepressiva.html


Fortbildung der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung (DPtV)

Ich wollte meine Patient*innen evidenzbasiert aufklären über eine medikamentöse Behandlung mit Antidepressiva oder anderen Psychopharmaka. Deswegen habe ich eine Fortbildung der DPtV besucht zum Thema Psychopharmakologie. Geleitet hat die Fortbildung Prof. Dr. med. Matthias Rose (Klinikdirektor, Charité, Facharzt für Innere Medizin & Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie).


Diese Fortbildung fand ich besonders interessant, zum Beispiel auch wegen den anschaulichen Vergleichen, die mich an Christian Drosten im Coronavirus-Update im NDR erinnert haben:

  • Man kann sich einen Audi oder einen Skoda kaufen, es ist unter der Motorhaube das Gleiche drin obwohl verschiedene Marken auf der Motorhaube drauf stehen; so sei das bei Medikinet oder Ritalin, enthalten ist der Wirkstoff Methylphenidat.

  • „Z-Drugs werden auch als die Businessclass des kleinen Mannes bezeichnet für Langstreckenflüge“, sollten aber dennoch nicht unkritisch genutzt werden.


Am Ende ging es um das Überprüfen des gelernten Wissen. Eine Beispielfrage:


Warum wirkt das eine Antidepressivum bei Schmerz, das andere Antidepressivum nicht?


Noradrenalin, nicht aber Serotonin, bewirkte eine „Bremse“ bei der Schmerzwahrnehmung, durch Stimulation der schmerzhemmenden Bahnen.


Im Psychotherapeutenjournal bespricht der Psychotherapeut Thorsten Padberg die Wirksamkeit Antidepressiva anhand der neusten wissenschaftlichen Evidenz. Sein Artikel trägt den Titel: Wie spricht man mit Klient*innen "empirisch richtig" über Antidepressiva?


Grams' Sprechstunde

Eine gute Podcast Folge z+über Antidepressiva bietet Natalie Grams: https://detektor.fm/wissen/grams-sprechstunde-antidepressiva


Tabletten gegen Depression

Tabletten gegen Depression ist der Titel einer Dokumentation im WDR. Darin kommt auch der Psychiater Tom Bschor zu Wort, ein Experte auf dem Gebiet der Antidepressiva. Er erklärt, dass seiner Erfahrung nach ein großer Teil von Behandler*innen aus Sorge vor einem Wiederauftreten einer depressiven Episode bei ihren Patien*innen Hemmungen haben, Antidepressiva wieder abzusetzen nach einer bestimmten Zeit. Gezeigt wird eine Patientin, die seit knapp 5 Jahren Venlafaxin, einen Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI), einnimmt auf Anraten ihrer Behandlerin. Bschor meint außerdem, dass nicht selten eine Pharmakotherapie auch bei leichten depressiven Episoden verordnet werden, obwohl dies im Widerspruch zur evidenzbasierten S3-Leitlinie zur Depression steht.


Gezeigt wird eine weitere Patientin, die seit 23 Jahren Antidepressiva einnimmt. Sie erklärt, dass Berufsunfähigkeit anerkannt wurde von der Rentenversicherung.



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